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DOOR-Studie: Praktischer Nutzen für teilnehmende Hausärztinnen und Hausärzte

verfasst am 05. August 2026
Projektleiter Prof. Dr. med. Dipl. Päd. Jochen Gensichen schildert im Gespräch mit dem BHÄV-Beauftragten für Forschung und Lehre Prof. Dr. Jörg Schelling Ziele der Studie sowie Nutzen und Aufwand der Teilnahme.

Die DOOR-Studie (Depression Psychoeducation in Primary Care) am Institut für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Technische Universität München will die Tür öffnen zu Verbesserungen in der hausärztlichen Versorgung von Menschen mit depressiven Symptomen. Ziel ist es, Betroffene frühzeitig, strukturiert und kontinuierlich zu begleiten – insbesondere in Phasen, in denen Wartezeiten auf eine Psychotherapie bestehen. Aktuell werden noch Hausärztinnen und Hausärzte gesucht, die sich an der Studie beteiligen. Prof. Dr. Jörg Schelling, Beauftragter für Forschung Lehre des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, hat mit Projektleiter Prof. Dr. med. Dipl. Päd. Jochen Gensichen, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der LMU, darüber gesprochen, was Hausärztinnen und Hausärzte erwartet, die an der Studie teilnehmen, welcher Aufwand damit verbunden ist und mit welchem Benefit sie rechnen können.

Welchen zusätzlichen Zeit- und Personalaufwand muss ich als Hausarzt beziehungsweise mein Praxisteam im Alltag tatsächlich einkalkulieren – über die vier vorgesehenen Gespräche hinaus? Gibt es Erfahrungen aus Pilotpraxen, wie gut sich die Studie in einen normalen Sprechstundenbetrieb integrieren lässt?

Prof. Gensichen: Um die Frage nach dem tatsächlichen Aufwand beantworten zu können, lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf die DOOR-Studie selbst. DOOR steht für „Depression psychOeducatiOn in primaRy Care" und hat zum Ziel, die Depressionsbehandlung in Hausarztpraxen zu verbessern. Depression ist die häufigste psychische Erkrankung weltweit, und über die Hälfte der Betroffenen wird ausschließlich hausärztlich versorgt. Genau hier setzt unsere Studie an. Es handelt sich um eine randomisiert-kontrollierte Studie: Eine Gruppe erhält eine intensivierte Psychoedukation in vier 20-minütigen Sitzungen mit einem strukturierten Tischflipchart, ergänzt durch einen Smart-Ring zur Erfassung von Schlaf, Aktivität und Stimmung sowie ein digitales Tool zu Medikationsrisiken bei Antidepressiva. Die Kontrollgruppe erhält die leitliniengerechte Standardversorgung. Die Intervention dauert drei Monate, mit einem Follow-up nach sechs Monaten. Ziel ist es, zu zeigen, dass die intensivierte Psychoedukation Depressionssymptome deutlich stärker reduziert als die Standardversorgung. Darüber hinaus wollen wir ein Modell entwickeln, mit dem Hausärztinnen und Hausärzte depressive Patientinnen und Patienten strukturierter betreuen können – unabhängig von knappen fachärztlichen oder psychotherapeutischen Kapazitäten.

Der zusätzliche Aufwand für die Praxen ist daher überschaubar. Zu Beginn steht die Identifikation geeigneter Patientinnen und Patienten im Vordergrund und im weiteren Verlauf beschränkt sich der Mehraufwand im Wesentlichen auf die vorgesehenen Gespräche und wenige studienbedingte Dokumentationsschritte. Ein gewisser Dokumentationsaufwand ist im Studiensetting unvermeidbar, da er die wissenschaftliche Prüfung der Interventionswirksamkeit ermöglicht. Um die Praxen bestmöglich zu entlasten, unterstützt das Studienteam aktiv bei der Rekrutierung geeigneter Patientinnen und Patienten, der Organisation der Studienabläufe sowie der Dokumentation – viele Aufgaben können dabei vom Studienteam begleitet oder gar übernommen werden. Nach bisherigen Erfahrungen lässt sich die Studie gut in den Praxisalltag integrieren, ohne dass umfangreiche zusätzliche Personalressourcen erforderlich sind. Ziel ist es, den Mehraufwand für die Praxen so gering wie möglich zu halten und sie während der gesamten Studie eng zu unterstützen.

Welchen konkreten Mehrwert hat meine Praxis von der Teilnahme – unabhängig vom wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn? Sehen Sie Vorteile wie eine bessere Patientenbindung, eine Entlastung bei der Depressionsversorgung oder neue Versorgungsstrukturen, die nach Studienende bestehen bleiben könnten?

Prof. Gensichen: Neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bringt die Studie auch praktischen Nutzen in Form strukturierter Therapie, Unterstützung bei medikamentösen Entscheidungen sowie des frühzeitigen Erkennens therapeutischer Veränderungen durch kontinuierliches Monitoring. Auch die bisherigen Ergebnisse der studienbegleitenden Evaluation bestätigen diesen Mehrwert. Es wird positiv hervorgehoben, dass die 4 Sitzungen sowohl zeitlich als auch inhaltlich eine gute Struktur geben. Auch das eigens entwickelte Material kommt gut an – es wird als anschaulich und gut strukturiert empfunden und bereits jetzt gerne im Praxisalltag eingesetzt. Das Monitoring patientengenerierter Gesundheitsdaten kann zudem den Zugang zu Patientinnen und Patienten erleichtern, die sonst Hemmungen haben, psychische oder psychosoziale Belastungen offen anzusprechen. Für Ärztinnen und Ärzte eröffnet sich dadurch zugleich die Möglichkeit, den Gesundheitsverlauf engmaschiger zu begleiten und frühzeitig auf Veränderungen zu reagieren. Die Medikationsanalyse deckt wiederum potenzielle Neben- und Wechselwirkungen auf und gibt den Ärztinnen und Ärzten dadurch mehr Sicherheit bei medikamentösen Entscheidungen. Wesentlich ist, dass wir den teilnehmenden Praxen und ihren Patientinnen und Patienten ein durchdachtes Maßnahmenpaket anbieten können – etwa zur Überbrückung, bis eine Psychotherapie beginnen kann. Insgesamt zeigen sich die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte zufrieden, nicht zuletzt, weil das Vertrauensverhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten gestärkt wird und ein persönlicherer Zugang zu ihnen entsteht.

Falls die Studie zeigt, dass die strukturierte Psychoedukation sinnvoll ist: Halten Sie das Konzept für realistisch in der Regelversorgung? Gibt es bereits Überlegungen, wie der zusätzliche hausärztliche Aufwand künftig vergütet oder in bestehende Versorgungsprogramme integriert werden könnte?

Prof. Gensichen: Ja, ich halte die strukturierte Psychoedukation grundsätzlich für gut in die Regelversorgung integrierbar. Sie knüpft konzeptionell an die bereits etablierte psychosomatische Grundversorgung an und stellt weniger eine neue Leistungsform als vielmehr eine Intensivierung eines bestehenden, abrechenbaren Versorgungsangebots dar. Ein wesentlicher Vorteil liegt in der hohen Standardisierung durch die strukturierten Materialien: Die Qualität und der zeitliche Aufwand für die Psychoedukation hängen dadurch nicht von individueller Erfahrung oder psychotherapeutischer Zusatzqualifikation ab, sondern lassen sich verlässlich multiplizieren. Hinzu kommt, dass die begleitende Erfassung von Stimmung, Aktivität und Schlaf sowie die softwaregestützte Medikationsanalyse eine reale Lücke in der aktuellen Versorgung adressieren, denn Verlaufsdaten zwischen den Konsultationen werden in der Regelversorgung bislang kaum systematisch erhoben – und decken damit ein tatsächliches Bedürfnis von Behandelnden und Erkrankten. Und schließlich handelt es sich bei vier Sitzungen über zwölf Wochen um eine klar terminierte, gut kalkulierbare Intervention und nicht um eine dauerhafte Zusatzbelastung, was sowohl für Praxen als auch für Kostenträger die Planbarkeit erleichtert.

In der Summe sprechen also die Anknüpfung an ein bestehendes Versorgungsformat, die hohe Standardisierung und die zeitliche Begrenzung der Intervention für eine erfolgreiche Integration in die Regelversorgung. Unterstützen ließe sich diese Integration zudem durch gezielte strukturelle Anpassungen – etwa durch eine klare Vergütungsregelung, sei es über eine eigene EBM-Ziffer für strukturierte Psychoedukationssitzungen analog zur psychosomatischen Grundversorgung oder durch die Aufnahme als vergütetes Modul in ein DMP Depression mit fester Vergütung pro Sitzung beziehungsweise Patientin oder Patient.

Letztlich müssen wir aber erst die Studie „lege artis“ abschließen. Inzwischen machen schon 70 Hausärztinnen/Hausärzte und ihre rund 280 Patientinnen und Patienten mit. Wir können noch bis Ende des Jahres etwa 150 aufnehmen und werden dann bald auch die wissenschaftlichen Belege vorlegen können.

 

Kontakt & Teilnahme

DOOR Studie:  Depression Psychoeducation in Primary Care

LMU Klinikum – Institut für Allgemeinmedizin – Campus Innenstadt
Nußbaumstraße 5
80336 München

Direkter Draht zum Studienteam für Ärztinnen und Ärzte
Tel.: 089-4400 54316
Fax: 089-4400 53520